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Giulio Andreotti war sieben Mal italienischer Ministerpräsident, acht Mal Verteidigungsminister und fünf Mal Außenminister. Seit sechs Jahrzehnten ist er politisch aktiv. Er war in zahlreiche Skandale verwickelt und es wurden ihm Verstrickungen mit der Mafia vorgeworfen. Seit 1992 hat er kein Amt mehr inne, doch der neunzigjährige Senator auf Lebenszeit hat immer noch Einfluss in der Politik.
 
Frage:
 
Herr Senator, als einer der Gründungsväter Europas haben Sie viel zur Schaffung der heutigen Europäischen Union getan. Doch für viele Bürger Europas hat das nur wenig Bedeutung. Liegt das an den Bürgern oder an Ihnen?
 
Antwort:
 
Vielleicht hätte der Wechsel von einem kleinen, unabhängig funktionierenden Ganzen zu einer quasi grenzenlosen Dimension in maßvolleren Schritten erfolgen müssen. Doch zu Beginn war es nicht leicht, zu verstehen, was dieser Wechsel bedeuten würde. Hier in Rom leben wir viel mehr in einem Stadtteil als in der Großstadt. Der Weg Italiens zur nationalen Einheit war schwierig und nicht immer homogen. Gottseidank haben wir verstanden, dass es der richtige Weg war.
 
Frage:
 
Die Römischen Verträge waren 1957 Grundlage für den Gemeinsamen Markt. War diese Politik angesichts der heutigen Globalisierung und der Weltkrise richtig oder falsch?
 
Antwort:
 
Meiner Meinung nach war diese Politik richtig, denn die Zersplitterung gab einigen Ländern die Möglichkeit zu überleben, während andere daran erstickten. Aus diesem Grund war eine bessere Lösung notwendig, die wir schließlich gefunden haben.
 
Frage:
 
1979 fand die erste allgemeine Europawahl statt, die Bürger Europas hatten die Möglichkeit, ihre Vertreter zu bestimmen. Dreißig Jahre später werden Brüssel und Straßburg als fern und nutzlos wahrgenommen. Warum?
 
Antwort:
 
Ein Individuum wie eine nationale Gemeinschaft bleiben immer im Regionalen verhaftet, das schwer zu überwinden ist. Ich will das, was bisher geschehen ist, nicht lobpreisen, doch ich denke, dass bedeutende Schritte gemacht worden sind. Das ursprüngliche Projekt war gut, es war nicht halbherzig.
 
Frage:
 
Im Dezember 1991 wurde in Maastricht der Vertrag verabschiedet, der zur Schaffung der EU führte. Sie, Herr Andreotti, zählten zu den Unterzeichnern. Waren Sie damals von Idealen beseelt und wurden danach große Fehler gemacht?
 
Antwort:
 
Wir sind noch nicht am Ende dieses Weges. Vielleicht sollte man versuchen, sich bei der Jugend besser verständlich zu machen, ihr zu erklären, dass die Zukunft darin liegt. Es bringt nichts, zurückzublicken und zu denken, die Vergangenheit sei besser gewesen.
 
Frage:
 
Im Mai 2004 wuchs die EU von fünfzehn auf 25 Mitgliedsländer an, 2007 kamen Rumänien und Bulgarien hinzu. Hat Europa Platz für weitere Staaten?
 
Antwort
 
Was bisher getan wurde, ist bemerkenswert, doch es bleibt noch vieles zu tun. Wenn wir nahe am Ziel sind, wird der Atem kürzer und wir kommen kaum voran.
 
 
Frage:
 
Es gibt Länder, die aufgenommen werden wollen. Denken Sie, dass einige Kandidaten draußen bleiben sollten?
 
Antwort:
 
Das europäische Bewusstsein war früher eine Gesinnung und nicht nur eine Sammlung von schriftlich festgehaltenen Überzeugungen. Der Weg, den wir eingeschlagen haben, ist richtig. Die Zeit wird uns dabei helfen, diese Richtung zu festigen und Hindernisse zu überwinden.
 
Frage:
 
In Volksbefragungen haben Frankreich und die Niederlande 2005 die Europäische Verfassung abgelehnt. War das gut?
 
Antwort:
 
Möglicherweise war die Öffentlichkeit damals noch nicht darauf vorbereitet, eine Entscheidung zu treffen. Es gab noch viele Kenntnislücken. Ich denke, dass es ein Fehler war, die Dinge zu überstürzen.
 
Frage:
 
1984 haben Sie in Rom einmal gesagt, es sei besser, wenn Deutschland geteilt bliebe. Bedauern Sie das?
 
Antwort:
 
Möglicherweise habe ich diese Aussage bedauert, denn es gibt Dinge, die man denken kann, doch nicht aussprechen sollte. Jedenfalls war das damals meine Überzeugung.
 
Frage:
 
Helmut Kohl hat Ihnen das nie verziehen.
 
Antwort:
 
Vielleicht hätte man noch einige Jahre Geduld haben sollen.
 
Frage:
 
Waren Sie oder war Italien Zielscheibe einer kritischen Äußerung Margaret Thatchers?
 
Antwort:
 
Frau Thatcher ist eine sehr intelligente und feine Frau, doch sie ist autoritär. Mit ihr am gleichen Tisch zu sitzen, ist nicht einfach.
 
Frage:
 
Hat Europa eine Einwanderungspolitik?
 
Antwort:
 
Ich denke, dass Europa keine gut abgestimmte Einwanderungspolitik hat, doch es gibt Kräfte, die entsprechende Lösungen suchen. Es ist unvermeidlich, dass sich diese Kräfte durchsetzen.
 
Frage:
 
Die Flüchtlingsboote in ihre Heimatländer zurückzuschicken, wie das die italienische Regierung tut, ist das richtig oder ein Übergriff?
 
Antwort:
 
Es handelt sich oft um Entscheidungen, die schnell getroffen werden müssen. Doch ich denke, dass sie notwendig sind, um die Zunahme solcher Aktionen zu entmutigen.
 
Frage:
 
Italien kämpft seit ewig gegen die Mafia. Inzwischen gibt es nicht nur EINE Mafia. Sollte sich Europa diese Frage stellen? Was würden Sie jenen raten, die in Brüssel Entscheidungen treffen?
 
Antwort:
 
Ich denke, dass Europa eine Kraft ist, die nicht von Anfang an perfekt sein kann, die jedoch wachsen muss, an sich selbst wie an der ganzen Welt und die zugleich ihre Fehler korrigieren muss. Das ist kein leichter Weg sondern eine Pflicht, eine moralische. Mit Blick auf die künftigen Generationen darf der richtige Weg nicht verfehlt werden.
 
Frage
 
Seit 1992 haben sie kein Regierungsamt mehr inne. Fühlen Sie sich müde?
 
Antwort:
 
Ich halte mich für einen einfachen Menschen aus Rom, ich halte mich nicht für jemanden, der große Projekte betreibt. Doch ich denke, dass die einzelnen Teile eines großen Projekts auch an der Peripherie gedeihen können, wie das auf mich zutrifft.
 
Frage:
 
Haben Sie Angst vor dem Tod?  
 
Antwort:
 
Natürlich bereitet mir das keine Freude, ich versuche, so wenig wie möglich daran zu denken.
 
Frage:
 
Ihre Ziele für die nächsten neunzig Jahre?
 
Antwort:
 
Man sollte nicht an den Tod denken, doch man sollte auch nicht denken, dass man unsterblich ist.
 
euronews:
 
Danke für das Gespräch.
 
ENDE

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tags: Einwanderung, Italien